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Bessa Zweiformat
von Voigtländer

produziert 1929 - 1957, diese Kamera ca. 1937



Technische Daten:
- Faltkamera für 120er Rollfilm 6x9, mit Maske 6x4,5 (bei meiner Bessa nicht mehr vorhanden)
- Synchro Compur Verschluss
- Belichtungszeiten: T und Bulb, 1", 1/2, 1/5, 1/10, 1/25, 1/50, 1/100, 1/250 Sek.
- Selbstauslöser 10 Sekunden
- Gewinde für Drahtauslöser am Objektiv
- Anastigmat Skopar 105mm f/4.5 - F/22
- Klapprahmensucher auf dem Gehäuse und "Brilliant" Sucher vorne am Objektiv
- auf der Rückseite 2 verschließbare Rotfenster zum Ablesen der Bildnummer
- auf der Rückseite ist eine Tiefenschärfetabelle
- 3/8" Stativgewinde am Boden und Deckel



Der große deutsche Kameraproduzent der 30er bis 60er Jahre Voigtländer produzierte seine Bessa Mittelformat Faltkamera in zahlreichen Varianten. Unterschiedliche Objektive, Verschlüsse und Ausstattungsmerkmale bis hin zum gekoppelten Entfernungsmesser wurden verbaut. Insgesamt sollen mehr als ein Millionen Stück hergestellt worden sein. Sehr unübersichtlich gestaltet sich daher die Recherche, wenn man eine alte Bessa Kamera klassifizieren möchte. Ich empfehle dazu die Cinci Bessa Kamerasammlung, dort ist alles bestens beschrieben und bebildert. Der Höhepunkt der Faltkameras war in den 20er und 30er Jahren, wo sie die großen Plattenkameras ablösten, bevor der Kleinbildfilm den Markt eroberte. Die hier vorgestellte "Bessa Zweiformat" von 1937 war eine für die Zeit durchschnittliche Kamera.

Der Nachlass aus dem Keller

Aus dem Nachlass des Großvaters meiner Lebensgefährtin entdeckten wir im Mai 2008 drei Kameras im Keller. Eine ist diese Voigtländer Bessa Zweiformat. Die Kamera war in schlechtem Zustand. Sie war total verzogen und ließ sich kaum aufklappen. Mit sanfter Gewalt konnte ich das wieder richten. Sie öffnet und schließt nun korrekt und schön leichtgängig. Da unten im Gehäuse eine Feder defekt ist, muss man aber den Entriegelungshebel die letzten Millimeter bis zum Einrasten anziehen.

Gereinigt und gerichtet sieht sie wieder sehr gut aus


Überall hatte sich feiner Rost gebildet, den ich vorsichtig mit Ballistol fast vollständig entfernen konnte. Der Verschluss läuft einwandfrei, auch der Selbstauslöser. Die Linsen haben keinen Fungus, weisen aber minimale Putzspuren auf. Die Belederung ist in ausgesprochen guten Zustand, der Lack an den Rändern hat den üblichen Abrieb der Benutzung. Der Balgen sah gut aus, hatte aber an einigen Kanten Brüche und war lichtdurchlässig. Mit Textilklebeband ließ sich dies beheben, inzwischen nehme ich dafür aber Flüssiglatex, womit man auch schlecht erreichbare Stellen besser abdichten kann.
Die Kamera ist leider etwas dejustiert und alle Versuche sie zu justieren blieben erfolglos. Wahrscheinlich ist die Kamera in sich um wenige zehntel Millimeter verzogen. Ich arbeite nun mit einer neu angebrachten Markierung für die Entfernungseinstellung, die ich durch Abgleich mit einem Grundglas auf der Filmebene ermittelt habe. Beeinträchtigt ist nur die Fokussierung im Nahbereich unter 1,2m. Auf Unendlich lässt sich problemlos scharf stellen.


Fotografieren mit der Bessa

Eine Faltkamera will zunächst immer geöffnet werden. Meistens gibt es dazu an der Kamera einen Knopf, bei der Bessa ist er am Boden neben dem Spulrad. Ist eine Faltkamera optimal gepflegt, springt der Kameradeckel mit dem Objektiv automatisch ganz auf und rastet in der Endposition ein, so daß auch das Objektiv plan zur Filmebene liegt. Oft muss man aber etwas nachhelfen. So auch bei meiner Bessa, wo ich an einem silbernen Druckhebel vorne im Deckel ziehe, bis sie einrastet. Wenn man die Kamera zusammenfalten will, muss man das Objektiv unbedingt wieder auf Unendlich stellen, also "hineindrehen", damit es nicht mit dem Kameradeckel verklemmt! Um die Einrastung zu lösen drückt man bei vielen Faltkameras gleichzeitig an die beiden untersten Schenkel der Faltmechanik, aber nicht so bei der Bessa! Sie hat im Deckel vorne den bereits erwähnten silbernen Druckhebel, den man nur drückt, um die Arretierung wieder zu lösen. Dann faltet man den Deckel einfach wieder zu. Sollte dies nicht gehen, wenden sie niemals Gewalt an. Schauen sie sich die Mechanik genau an, was da klemmt, oft kann man das Problem einfach lösen. Der Sucher der Kamera klappt automatisch mit auf, den Deckel dafür kann man hinterher auch einfach zuklappen.

Tiefenschärfetabelle und die beiden Rotfenster, das linke ist für 6x9


Den Rückdeckel öffnet man durch hochschieben eines kleinen Schiebers an der Seite unter dem Ledergriff. Der Rückdeckel klappt auf und ist nicht abnehmbar. Den Film legt man wie bei jeder gewöhnlichen Mittelformatkamera mit zusätzlicher Leerspule ein. Dazu sollte die Kamera übrigens zusammengefaltet sein um Beschädigungen am Balgen und der Mechanik zu vermeiden. Man kann in 2 Filmformaten fotografieren: 6x9 und 4,5x6 (daher auch der Name der Kamera). Für das Format 4,5x6 braucht man eine Einlegemaske, die man auf den Filmschacht zwischen den Rollen einsetzen kann. Die Kontrolle der Filmnummer erfolgt über verschließbare Rotfenster in der Rückseite. Hat man keine Einlegmaske für das 4,5x6 Format eingelegt, öffnet sich auch nur nur das linke bzw. untere Fenster, was man für 6x9 braucht.
Für 4,5x6 sind beide Fenster im Wechsel zu benutzen, also:

1. Aufnahme 1 im linken/unteren Fenster
2. Aufnahme 1 im rechten/oberen Fenster
3. Aufnahme 2 im linken/unteren Fenster
4. Aufnahme 2 im rechten/oberen Fenster    usw.

Mit dem Drehknopf zwischen den beiden Fenstern kann man die Fenster öffnen und schließen. Man kann 8 Aufnahmen im Format 6x9 und 16 im Format 4,5x6 machen. Wenn man im Format 4,5x6 fotografiert kann man im Sucher auch ein kleines Zusatzfenster für das Format aufklappen.

Zuerst stellt man Blende, Belichtungszeit und Entfernung ein. Zur Einstellung der Belichtungszeit dreht man am äußeren Ring. Die Belichtungszeit sollte man nie nach dem Spannen des Verschlusses verstellen! Entfernung und Belichtung schätzt man oder benutzt externe Messer. Mit der Kamera lässt sich aber auch ohne Belichtungsmesser und Entfernungsmesser wunderbar fotografieren. Sonne - Blende 11 oder 16, 1/100 Sek. und die Entfernung auf 8 Meter...das reicht oft! Den Verschluss spannt man, indem man den Hebel vorne neben den Belichtungszeiten hochzieht. Unter dem Spannhebel ist übrigens das Gewinde für einen Drahtauslöser. Auslösen kann man bei der Bessa schon(!) mit einem Hebel links oben am Gehäusedeckel. Für "T" und "B" spannt man den Verschluss nicht. Bei B bleibt der Verschluss so lange auf, wie man den Auslöser gedrückt hält. Bei T bleibt der Verschluss so lange auf, bis man ihn ein zweites Mal herunterdrückt.

Ist der Verschlusshebel gespannt, stösst er an einen Knopf. Diesen Knopf kann man etwas verschieben und dann kann man den Spannhebel noch etwas höher ziehen. So stellt man den Selbstauslöser ein. Aber Achtung! Dies tun sie auf eigenes Risiko, denn oft ist der Selbstauslöser altersbedingt defekt und kann den ganzen sonst funktionsfähigen Verschluss blockieren.


Hinten offene Bessa mit original Aufkleber für Voigtländer Film, Filmeinlegen bei eingefaltetem Balgen


Jetzt bleibt nur noch der kleine Brilliantsucher für Aufnahmen aus der Hüfte zu erwähnen, den man vorne am Objektiv hochklappen kann. Ich finde den Suche aber nicht sehr hilfreich, der Bildausschnitt lässt sich nur sehr unpräzise erfassen. Wenn sie den Brilliantsucher ausgeklappt hatten, vergessen sie vor dem Zusammenfalten der Kamera nicht ihn wieder einzuklappen.

Das Fotografieren mit einer alten Faltkamera erfordert immer wieder Selbstdisziplin und Ruhe. Nehmen sie sich Zeit, es sind nur 8 (16) Fotos, man kann also jedes einzelne bei seiner Aufnahme richtig zelebrieren. Doppelbelichtungen .... kein Problem, kommt immer wieder vor. Und lassen sie sich von den Aufnahmen überraschen... Bis Blende 8 zeichnet das Skopar ziemlich weich, bei Blende 11 schon besser. Aber bei Blende 16 ist die Detailgenauigkeit und Schärfe mit einem Mal überraschend gut und wird kaum von modernen Digitalkameras übertroffen!

Bulbjerg visitors

Schwarz/Weiß Bild mit der Bessa bei Blende 16 und 1/100 Sek.
Betrachten sie bitte die größte verfügbare Auflösung 3200x1932 (2,8 MB).
Bis auf die während des Scans ausgeführten Paramater gibt es keine digitale Nachschärfung!




Bilder von und mit meiner Voigtländer Bessa Zweiformat aus meinem flickr Fotostream




Informative Links:
Cinci Bessa Kameras
ukcamera-com Bessa





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